My first travel Mexico Mexico   

Einträge

Sebastian, 27 November 2007
Mexico Mexico San Cristobal de las Casas

Das letzte Kapitel

Es ist dunkel draußen und der Regen hat die Straßen rutschig gemacht. Dreckige Pfützen verdecken die Schlaglöcher im Asphalt. Ich habe kein Licht am Fahrrad. Das hat niemand hier. Als Fahrradfahrer darf man sich nicht auf das verantwortliche Verhalten der anderen Verkehrsteilnehmer verlassen. Man hat so gut wie kein Recht. Sehr häufig wird man von abbiegenden Fahrzeugen geschnitten oder abgedrängt, ja sogar mit dem Außenspiegel gestoßen. Dennoch ist das Fahrrad immer noch unser Verkehrsmittel Nummer eins.
Ich biege in die Colonia, halte hinten um die Ecke am Spielplatz und als ich den Schlüssel ins Haustürschloss stecke und ihn drehen möchte, vernehme ich Stimmen aus dem Inneren des Hauses. Sind sie schon angekommen?
Ich habe gerade das Capoeiratraining hinter mir. Es sind ca. zwanzig Minuten nach neun. Ich bin hungrig. Ich öffne die Tür, betrete das Esszimmer und werde begrüßt von Hannah, Thomas, Aaron und Julian. Ich freue mich sehr sie zu sehen. Wir erwarteten schon lange, ungeduldig ihren Besuch. Vor Allem ist es toll, dass mein Bruder Julian gekommen ist. Ihn habe ihn seid seiner Ausreise nach Australien im Juli 2006 nicht mehr gesehen. Fünf Monate ist er in Australien zur Schule gegangen.
Gespannt lauschen wir den Neuigkeiten aus Köln, während des Abendessens und erzählen von unserer Zeit in San Cristobal und Mittelamerika.

Das Zwischentreffen mit den anderen Freiwilligen, die ihren Dienst in Mittelamerika leisten, war ein voller Erfolg. Die Insel Ometepe im Nicaraguasee ist genau der richtige Ort für Diskussion und Reflexion über das, was man bisher gemacht, erreicht und erlebt hat. Das Leben dort ist ruhig und gelassen und genauso empfand ich das Arbeitsklima in der Gruppe der Freiwilligen. Als besonders schön und faszinierend erscheint mir der Motivationsschub, den man auf Grund des Zwischentreffens erhält. Man baut sich gegenseitig auf, wenn etwas in den Projekten nicht so gelaufen ist, wie man es gerne gehabt hätte. Man macht Verbesserungsvorschläge oder holt sich Tipps für Workshops oder Methoden, die man im eigenen Projekt verwirklichen will. Man reflektiert seinen Aufenthalt im fremden Land, der bei den meisten den Charakter eines neuen Lebens angenommen hat und man sieht endlich ein paar Freunde wieder. Man verlässt die Insel mit einer unglaublichen Lust auf die restliche Zeit, die einem im Land und im Projekt noch bleibt.
Als wir Anfang Mai zurückkehren nach San Cristobal, werden wir mit offenen Armen empfangen. Einen Monat haben wir unsere Mitarbeiter und die Kinder beider Projekte nicht gesehen. Sehr herzlich und mit einem Haufen Arbeit nehmen sie uns wieder auf. In diesem Moment waren meine Gedanken: „Es scheint, als wirst du gebraucht. Schön.“
Seid Mitte Mai haben wir eine neue Mitbewohnerin. Kathi. Wir finden es alle richtig gut, dass sie da ist. Sie bringt frischen Wind in die WG. Insbesondere Moritz war sehr erfreut über ihre Ankunft. Kathi ist seine Freundin. Gleichzeitig mit Moritz hat sie ihr Freiwilliges soziales Jahr begonnen, jedoch nicht in Mexiko sondern in Bolivien und daher konnten sie sich knapp acht Monate nicht sehen. Dann hat sie die weite Reise nach Mexiko angetreten und wohnt und arbeitet nun mit uns zusammen.

Mit der Rückkehr aus dem tropischen Nicaragua beginnt der Sommer in San Cristobal und damit die Regenzeit. Sieht man morgens aus dem Fenster wird man von der Sonne angelacht und man glaubt der satt blaue Himmel leitet einen wunderschönen Tag ein. Während der Arbeit redet man sich noch ein, dass es heute sicher trocken bleibe, obwohl schon tief graue Wolken an den Berggipfeln darauf warten ins Tal zu gleiten. Wettervorhersage in den Bergen von Chiapas ist nicht schwer. Großzügig betrachtet hält sich der Himmel in der Regenzeit an die Regel: „Morgens viel Sonne, mittags viel Regen.“
Zu diesem Schluss gelangen auch Thomas, Hanna, Aaron und Julian schnell. Dennoch gefällt ihnen San Cristobal sehr. Vor Allem sei das Klima hier nicht so tropisch und heiß.
Dass es jedoch gegen Abend auch kalt werden kann, muss Aaron am eigenen Leib erfahren. Auch er zieht nun seine Turnschuhe den Flip Flops vor, auf welche er vorher noch schwor.
„Ich hab überall meine Flip Flops getragen.“
Am Sonntag wollen wir alle zusammen eine Woche durch Campeche und Yucatan reisen. Ich freue mich schon sehr darauf. Trotz der langen Zeit, die ich schon hier bin, habe ich nur wenig von Mexiko gesehen.

Gerade beenden Moritz und ich unser Frühstück in der Jugendherberge in Tulum und machen uns auf den Weg zu den Maya Ruinen Tulums an der Karibikküste Mexikos. Seine Familie und mein Bruder sind weiter nach Cancun gefahren, um dort noch 3 Tage Urlaub zu machen. Danach geht es für sie wieder heimwärts. Die Zeit mit ihnen war richtig lustig und meinem Bruder hat Mexiko sehr gut gefallen. Tolles Land!
An der Rezeption der Herberge sehen wir überraschender Weise zwei uns bekannte Gestalten.
„Shhhht“, mache ich, in Mexiko ein Zeichen um auf sich aufmerksam zu machen, und beide drehen sich zu uns um. Johanna und Thomas aus Köln. Nach der fröhlichen Begrüßung begeben wir uns in Richtung der Pyramiden. Es gibt viel zu erzählen. Mich interessiert vor Allem, was meine Schulkameraden im letzten Jahr so getrieben haben. Thomas und ich haben gemeinsam das Abitur gemacht. Er macht nun eine Weltreise und begann mit ihr in Mexiko, um uns besuchen zu können und Johanna begleitet ihn durch Mexiko. Wenn er dann weiter nach Los Angeles fliegt, kehrt sie zurück nach Köln.
Die Pyramiden von Tulum sind sehr schön anzusehen. Sie stehen auf Klippen und vor ihren Füßen breiten sich ein weißer Sandstrand und das türkis schimmernde Meer aus. Eine wirklich ansehnliche Alternative zu den restlichen Pyramiden des Landes. Sicher sie haben alle ihren Charme und ihre Vorzüge, aber sie während eines erfrischenden Bades im glasklaren Wasser zu bestaunen ist einfach traumhaft. Dennoch, nach der hohen Anzahl an Ausgrabungstätten der Mayas, die wir bis jetzt besichtigt haben, sind sie zwar stets interessant, aber, mal plump ausgedrückt, irgendwann hat man genug von ihnen.
„Zu viele auf einander gestapelte, alte Steine.“
Nach einer ereignisreichen Woche kehren wir zurück nach San Cristobal. Für letzte Arbeiten, wie den Basketballkorb befestigen, den Sandkasten fertig stellen, Evaluationen schreiben und Zeit mit den Kindern zu verbringen, bleibt noch ungefähr ein Monat. Dieser scheint unheimlich schnell vorüber zu gehen. Hoffentlich bleibt Zeit sich von allen zu verabschieden.

An meinem letzten Tag in San Cristobal, morgens nach dem Training begegnen mir Emiliano, Franzisco und José. Ich winke sie zu mir herüber. Emiliano spielt den Coolen und kehrt sich weg.
„Ich will mich nur von euch verabschieden!“, rufe ich ihnen hinterher.
Sie drehen sich um und wechseln die Straßenseite.
„Wie, verabschieden?“
„Ja, morgen fahre ich mit Rouven und den anderen nach Mexiko Stadt und von da aus geht es nach hause.“
„Nach hause? Nach Deutschland? Mit dem Bus?“
„Nein, mit dem Flugzeug.“
„Aber wenn du morgen fährst, dann musst du uns auf Chips einladen!“
Diese Art von Brauch war mir nicht bekannt, aber gut. Ich lade die Jungs gerne auf ein paar Chips ein. Wenig später saßen wir zu viert auf einer Parkbank mit Chips und Cola. Trotz der Cola war es ein wirklich netter und gelungener Abschied. Ich werde die beiden Kaugummiverkäufer und den Schuhputzer vermissen.

Der Abschied von den Sueniños-Kinder viel mir sehr schwer. Unser letzter Arbeitstag war zugleich der letzte Tag der Projektwochen und letzter Tag vor den Ferien. Gemeinsam haben wir eine große Feier mit Tanz, Torte, Theater und Piñata vorbereitet. Die Kinder hatten sehr viel Spaß und wir auch. Niemand wollte, dass die ausgelassene Stimmung abklingt, denn jeder wusste, dass mit dem Ende der Fiesta die Verabschiedung näher rückte.
Wir saßen alle in einem großen Stuhlkreis und vereinzelt lasen die Kinder Briefe mit Grüßen und netten Worten für uns vor. Auch Viviana, die Lehrerin, hatte eine kleine, sehr bewegende Abschiedsrede vorbereitet. Kaum jemand konnte seine Tränen noch halten.
Die letzte Woche in San Cristobal ist unheimlich schnell vergangen. Wen muss man noch verabschieden, was muss man noch besorgen, wessen E-Mailadresse hat man noch nicht und wie soll ich das alles in meinen Koffer packen? Fragen, die einen beschäftigen und die Zeit verkürzen.

Kathi, Moritz, Rouven und ich hatten das Gepäck ins Taxi geladen. Einmal noch winken wir dem Haus zu, welches für ein Jahr unser kleines Reich war.
Am Busbahnhof warteten schon ein paar Freunde auf uns. Wir verabschieden uns auch von ihnen und steigen in den Bus nach Mexiko Stadt. Die Rückfahrt ist ruhig, jedoch verspäten wir uns enorm. Wie schon auf unserer Hinreise nach San Cristobal passieren wir die wunderschöne Landschaft des mexikanischen Inlands, nur fasziniert sie mich diesmal nicht so wie beim letzten mal. Vielmehr bin ich gespannt auf Mexiko Stadt. Wie fühlt es sich wohl an von einer solchen Riesenmetropole verschluckt zu werden? Eine Woche Zeit bleibt uns noch bis zur Ausreise. Einmal treffen wir noch Mau, bevor wir nach hause zurückkehren. Er hat uns eingeladen bei ihm zu wohnen.

Während wir das Haus verlassen, hören wir Mau’s Vater noch sagen:
„Mauricio, ihr solltet lieber die Metro nehmen. Die Straßen sind überfüllt. Es gibt kein Durchkommen zum Flughafen.“
„Wir haben doch noch drei Stunden Zeit bis zum Abflug. Das schaffen wir locker. Außerdem ist es keine gute Idee mit dem ganzen Gepäck in die Bahn zu steigen.“
Nachdem wir das Gepäck ins Auto geladen haben, begeben wir uns auf den Weg zum Flughafen und nur fünf Minuten später stehen wir im Stau mitten in Mexikostadt. Noch sind wir alle guter Dinge.
Nach einer halben Stunde Schritttempo motivieren wir uns noch mit Sprüchen wie: „Das schaffen wir noch! Soweit wird’s nicht mehr sein!“
Nach einer weiteren Stunde zweifeln wir allmählich an unsere rechtzeitige Ankunft zum Abflug und ein Herr im Nachbarauto holt uns aus unseren Illusionen zurück: „In den nächsten zwei Stunden seid ihr sicherlich noch nicht am Flughafen!“
Nun schleicht sich der, für uns anfangs noch schwer anzuwendende Konjunktiv in unsere spanische Unterhaltung ein: „Hätten wir doch auf deinen Vater gehört! Wären wir doch mit der Metro gefahren!“
Genau das war der nun in Kraft tretende Plan B. Runter von der Hauptstraße und los zur nächsten Metrostation. Ein weiteres Problem in Mexikostadt ist die Parkplatzsuche, doch auch hierfür hatte Mauricio schon eine Idee. In der Nähe der Station befindet sich das Krankenhaus, indem sein Vater als Arzt arbeitet. Es war kurz vor dreiundzwanzig Uhr, als wir in die Einfahrt zum Krankenhaus einbogen und der Nachtwärter uns anhält. Mauricio steigt aus und nach einem kurzen Gespräch dürfen wir passieren. Gut wenn die Verwandtschaft im Krankenhaus arbeitet.
Wenig später befinden wir uns im vorderen Wagon der Metrolinie in Richtung „Aeropuerto“. In zehn Minuten hebt unser Flieger ab und dem Anschein nach wohl ohne Rouven und mir an Board. (Kathi und Moritz fahren zurück nach San Cristobal. Ihr Aufenthalt endet erst am elften September.) Aufgeben wollen wir jedoch nicht. Während der Fahrt erzählt uns Mauricio, er habe dem Wärter des Krankenhauses weisgemacht, er sei dort Krankenpfleger und müsse nur kurz seinen Wagen abstellen, da er keinen Parkplatz finde.
Nachdem wir die Metro verlassen haben, reißt durch das Zerren und Ziehen ein Gurt an meinem Koffer. Glücklicherweise öffnet er sich nicht.
Wir sind da.
Elf Uhr zwanzig, angekommen am Abflugort. Elf Uhr zwanzig, Abflugzeit unseres Fliegers nach Paris.
Ein Portier von etwa sechzig Jahren kommt auf uns zu und bietet uns an die Koffer mit seinem Handkarren zum Check In zu bringen. Wir nehmen dankend an und sind beeindruckt von dem schnellen Schritt den er an den Tag legt. Nur noch den Gang runter, rechts die Rolltreppe hoch und links zum Schalter von Air France.
„Ach du Sch...!“
Eine Warteschlange von ca. fünfzig Metern! Wie sollen wir das noch schaffen. Mit meinem vollbeladenen Reiserucksack dränge ich mich bis zum Schalter und frage, noch außer Atem vom Sprint, nach unserem Flug. Drei Stichworte nehme ich aus der kurzen Konversation mit der netten Air France Dame mit. Hurricane, Verspätung, drei Uhr zwanzig.
Erleichtert schlendere ich zurück ans Ende der Schlange, wo mich Rouven und Mau ungeduldig erwarten. Ich erzähle ihnen, was ich am Schalter erfahren habe und finde es amüsant, wie wir uns über eine Verspätung freuen. Im nächsten Moment drücke ich unserem Portier ein großzügiges Trinkgeld in die Hand und dankend macht er sich auf den Weg zum nächsten Kunden.
Mit ein paar Blödeleien und Erinnerungen zögern wir unseren Abschied von Mauricio heraus. Ich weiß jetzt schon, dass er mir sehr fehlen wird. In diesem Moment möchte ich alles andere als zurück nach Deutschland fliegen. Ich vermute Rouven geht es ähnlich.
„¡Cuidate hermano!“

Die restliche Wartezeit verbringen Rouven und ich auf dem Boden. Ein letztes Mal genießen wir, dass niemand hier Deutsch spricht. Lauthals unterhalten wir uns über die anderen Leute und das vergangene Jahr.
Der Check-In dauert ungewöhnlich lange. Nur langsam schlängelt sich die Menschenmasse Richtung Schalter. Später erfahren wir, dass es einen Systemabsturz gab und alles per Hand geschrieben und eingecheckt werden muss. Außerdem heißt das auch, dass die Waagen nicht funktionieren und somit ist Übergepäck nun kein Problem mehr.
Während des Fluges gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Nur der Zeitplan ändert sich. In Paris werden wir eine Nacht Aufenthalt habe, dafür aber auch ein Hotelzimmer und ein richtiges Frühstück.
Schade nur, dass es diesmal nicht die kleinen Bildschirme an der Rückenlehne des Vordermanns gibt. Auf dem Hinflug konnte man so selber entscheiden, welche Filme man sich ansehen möchte. Ist aber nicht weiter schlimm.
In Paris angekommen, rufe ich meine Eltern. Mein Vater meldet sich und ich erkläre ihm die Situation, die Verspätung, der Hurrikane. Es ist der zweiundzwanzigste August 2007. Ich habe den Geburtstag meines Vaters vergessen. Dieser war am einundzwanzigsten. Er nimmt es mir nicht übel und zum ersten Mal in meinem Leben gratuliere ich meinem Vater nachträglich.
Nach ein wenig Schlaf und einem guten Frühstück im Flughafenhotel sitzen wir wenig später im Flieger nach Düsseldorf. Der Flug ist ruhig. Es ist neun Uhr dreißig. Ich schiebe die Sonnenblende am Fenster nach oben und auf der rechten Seite kurz hinter der Tragfläche sehe ich Köln.

 

Kommentare zu diesem Eintrag

Picture and video

Experience the adventures even better and surprise the author.

Profil


Meine Reisestatus:
Ich breche in 0 Tagen auf
Meine heutige Reise:
My first travel
Meine besuchten Länder:

Ort

Letzter Eintrag

Mexico  27/11/2007 Das letzte Kap... (0)
Mexico  16/8/2007 Kapitel 9 (0)
Mexico  21/7/2007 Kapitel 8 (0)
Mexico  12/4/2007 Kapitel 7 (0)
Mexico  18/2/2007 Kapitel 6 (0)

Bleib auf dem Laufenden!

E-Mail-Adresse
RSS

Ja, ich will bei einem neuen Beitrag sofort benachrichtigt werden. Meine E-Mail-Adresse:

Per SMS über neue Reiseberichte auf dem Laufenden gehalten werden? Schick eine sms an

Füge Deinem bevorzugten RSS-Reader einen Link hinzu



Was ist das?

Nützliche Reisetipps

Dieses Tagebuch hatte bereits 5038 Besucher und ist ein Teil von WoBistDuJetzt.com